2017, start
Schreibe einen Kommentar

justine

Für das großartige Buch hochbetagt habe ich ein Porträt über die 102-jährige Justine Picha geschrieben. Diese gekürzte Version erschien auch in der Welt der Frau/November 2017.

Wenn einem mit 100 ein Glas hinunterfällt, kauft man keines mehr nach

Justine kam früher auf die Welt als geplant. Mit ihren 102 Jahren bleibt sie auch deutlich länger als die meisten anderen. Porträt einer Höchstbetagten.

Kälte, Hunger und Elend prägen den Alltag in Wien, als Justine am 29. Jänner 1915 mit 900 Gramm auf die Welt kommt. „Der Doktor hat gesagt, die ist ja tot, was wollen sie?“ Aber die Mutter spürt den Atem, nimmt ihr Kind mit nachhause, packt es in Watte. „Wein nicht so viel“, sagt ihr Mann, „nächstes Jahr hast ein neues“. Davon will die Mutter nichts hören. Sie schiebt das kleine Leben in Watte ein bisschen näher an den Ofen, päppelt es auf mit all ihrer Kraft. Justine kommt durch.

„Danke, dass ich da bin“, denkt Justine jeden Tag beim Aufwachen. 102 Jahre – sie kann es selbst kaum glauben. Langsam, gebückt und am Stock durchquert sie ihre kleine Wohnung in Baden. In der Küche türmen sich die Styroporboxen von „Essen auf Rädern“, ein paar Mandarinen liegen im Brotkorb. Drei zusammengewürfelte Gläser stehen verloren in der Küchenkredenz. „Wenn einem mit 100 ein Glas hinunterfällt, kauft man keines mehr nach.“

„In ein Heim geh ich nicht.“ Für den Rest ihres Lebens will sie hier aufstehen, aus dem Fenster aufs Helenental schauen, auf die Ruinen Rauhenstein und Rauheneck und auf den Wald, der sich mit den Jahreszeiten färbt. „Ich wollt nie in ein Heim, und jetzt schon gar nicht mehr.

Ich hab schon viel mitgemacht“, erinnert sich Justine. Die Mutter eine ungarische Kroatin, der Vater ein Wiener Gastwirt. Einen etwas älteren Bruder gibt es auch. „Der Fritz war bei seiner Geburt fünf Kilo schwer, ich nicht einmal eines.“

Die Zeiten sind schwierig, die Schulden wachsen. Justine ist noch keine 20, als das elterliche Gasthaus versteigert wird und die Familie alles verliert. Sie findet eine Stelle im Sanatorium Purkersdorf, finanziert das Medizinstudium des Bruders und bringt die Eltern durch die schweren Jahre.“ Als der Vater 1937 stirbt, sammelt sie im Sanatorium Geld für sein Begräbnis.

Justine kann sich gut an diese Zeit erinnern: „Ich habe mich um eine Patientin mit Cardiazolschocks gekümmert. Ihr Mann, ein Arzt, wollte sich scheiden lassen und hat sie in den Wahnsinn getrieben. Nach den Schocks lief sie blau an und bekam Krämpfe, aber irgendwann war sie wieder normal. Ich war viel mit der Frau spazieren, sie wollte, dass ich mit nach England komme. Aber ihr Schiff ging am 13. März 1938, da bin ich nirgends mehr hingefahren.“

Justine selbst sind schwere Krankheiten erspart geblieben. Gut, eine Augenoperation hatte sie mit 90. Das linke Knie spürt sie, wenn es kalt ist. Sie braucht Hörgeräte. Und der Rücken ist mittlerweile stark gekrümmt. Sechs, sieben Tabletten nimmt sie täglich, vor allem gegen die Kreuzschmerzen. Der Arzt untersucht sie alle zwei Wochen, scherzt mit ihr und misst den Blutdruck. „130:80, alles gut, sagt er immer, der Herr Doktor.“

Lange Zeit machte sie jährlich eine Kur mit Hochfrequenztherapie. „Das hat mir gutgetan, das hab ich mir immer geleistet.“ Vor drei Jahren war sie das letzte Mal dort, es wurde zu anstrengend. Jetzt nimmt sie In der Früh und am Abend einen Löffel „Buer Lecithin“. Aber erst seit zwei Jahren.

Während des Kriegs arbeitet Justine beim Jugendamt in der Vormundschaftsabteilung. Einmal bedroht sie ein Kindsvater mit einem Sessel, ein Kollege rettet sie. Die Blutabnahmen, die Streitereien, alles ist noch sehr präsent. Diese Stelle, sagt sie heute, war ihre schönste Arbeit. Später findet sie einen Posten bei einem Rechtsanwalt, bildet sich weiter, darf zu Tagsatzungen gehen. „Ich bin froh, dass ich immer verdient hab und unabhängig war.“ In Pension ging sie als Büroangestellte einer Fototaschenfabrik. Das war vor bald 50 Jahren.

Auch heute macht sie noch viel. Der Wecker klingelt täglich um 6.45 Uhr. Wenn die Heimhilfe um 7.30 Uhr kommt, möchte sie fertig geduscht sein. „Freilich ist es wichtig, dass ich gut angezogen bin“, lacht sie. „Aber ich kaufe nichts Neues mehr, ich hab ja noch so viel. Außer vielleicht bequeme Hosen.“ Alle zwei Monate bringt sie eine Bekannte zum Friseur nach Ungarn, dort schneiden sie schön und günstig, sagt sie. Als Kind war sie oft in der Heimat ihrer Mutter, sie fährt immer noch gerne hin.

Die Heimhilfe erledigt Besorgungen und richtet ihr das Frühstück. Wenn sie weg ist, räumt Justine herum. „Ich muss mir ja alles selber erledigen.“ Von ihrem Fauteuil aus hat sie alles im Griff. Der Ordner mit den Bankauszügen und Rechnungen liegt am Sessel daneben. Mit einer Glocke prüft sie, ob die Batterien in den Hörgeräten funktionieren. Daneben eine Taschenlampe und ein Ball für Fingerübungen, alles in Reichweite. Spazieren kann Justine nur mehr eingehängt oder am Balkon. „Da kann ich mich gut anhalten und ein bisschen an der frischen Luft sein. Ich bin froh, dass es noch so geht.“

Justine hat keine Kinder. „Die Zeiten waren sehr schwer, ich musste ja arbeiten“, seufzt sie. Sie heiratet für damalige Verhältnisse spät, mit 34. Den Namen ihres Mannes hat sie nicht gleich parat. „Gibt’s das?“ Sie denkt angestrengt nach: „Franz, ja, Franz“, erinnert sie sich dann. Viel mehr fällt ihr zu ihrem Mann nicht ein. Die Ehe stand unter keinem guten Stern. Sie lebten in einer winzigen Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung am Hernalser Gürtel. Franz, Justine, ihre Mutter. „Ich würde das heute niemandem raten, aber damals ging es halt nicht anders.“

Einsam fühlt sie sich heute nicht. Es kommt ja ohnehin immer wer, der Herr Doktor, die Heimhilfe, die Physiotherapeutin, der junge Mann vom Hilfswerk mit dem Mittagessen. „Der weiß schon, was ich gerne esse, der tauscht mir manchmal einen gebackenen Fisch oder Schweinsbraten mit Kraut. Ich darf ja alles essen.“

Und jeden Nachmittag kommt Barbara Karlich ins Wohnzimmer. „Zum Glück hab ich so einen großen Fernseher und Kopfhörer, damit ich die Nachbarn nicht störe.“ Erst nach den Abendnachrichten geht Justine schlafen. „Die ZIB2 schau ich mir immer an. Natürlich interessiert mich, was da passiert. Letztes Jahr war ich noch wählen.“

Die schlimmste Zeit ihres Lebens kann Justine genau benennen. Das war 1965, als sie 50 wurde. Immer wieder kommt sie darauf zu sprechen. Ihr Bruder Fritz, mittlerweile Filialleiter einer Bank und Vater von zwei Töchtern stirbt plötzlich an einer Lungenentzündung. Ihren Mann verliert Justine wenige Monate später durch einen Schlaganfall. Kurz darauf ist auch die 80-jährige Mutter tot. „Alle in einem Jahr, das war so schrecklich. Da war ich plötzlich ganz allein. Man wundert sich, was man alles aushält.“

Die große Liebe? „Das war mein zweiter Mann.“ Ein Freund stellt ihr, damals Mitte 50, Hans beim Heurigen vor. „Er war nicht schön, aber die Frauen sind auf ihn geflogen“, lacht sie. „Ja, mein Lebensgefährte, der war der bessere Mann.“

Die beiden ziehen gemeinsam von Wien nach Berndorf, der guten Luft wegen. Sie gehen viel zum Heurigen, fahren ans Meer, nach Italien, nach Kroatien, das damals noch Jugoslawien hieß. „Der Hans hat immer gesagt, ich soll Autofahren lernen. Aber mit 70 wollte ich keine Prüfung mehr machen. Also ist er gefahren.“

1985 übersiedeln sie nach Baden, sechs Jahre später stirbt Hans nach einem Oberschenkelhalsbruch in einem Wiener Krankenhaus. Zwei Monate lang hat sie ihn täglich besucht. „Es war schon schwierig, mit dem Bus hinzufahren, aber er hat halt auf mich gewartet.“

Seit 26 Jahren lebt sie nun allein. „Nach dem Hans wollt ich keinen Mann mehr, das ist nur Arbeit. Obwohl einer im Haus interessiert war, der hat Sonnenblumen gebracht und so, aber ich wollte nicht mehr.“ Die Jahre sind rasch vergangen, die alten Freunde schon alle gestorben. Mit 75, 80, 85. Zuletzt hat sie noch eine Bekannte im Kaffeehaus zum Schnapsen getroffen, aber das war vor mehr als einem Jahrzehnt.

Wovor sie Angst hat? „Vor dem Spital. In der Nacht muss ich zweimal aufstehen, da hab ich Angst, dass ich stürze. Ich gehe ganz langsam.“

Vor dem Sterben fürchtet sie sich nicht. „Aber schnell soll’s gehen. Und zuhause möchte ich sein. Und erst in ein paar Jahren. Der Heesters ist ja auch 107 geworden.“

Justine glaubt an Gott, sie betet in der Früh und am Abend, das gibt ihr Kraft. Für alle Verstorbenen betet sie. Und dann spürt sie, dass ihre Mutter bei ihr ist. „Die Mutti hat immer sehr auf mich geschaut, wir waren uns immer sehr nahe. Wenn ich jetzt etwas nicht weiß oder mich entscheiden soll, dann frag ich die Mutti und sie hilft mir, was zu tun ist.“

Möchte sie noch einmal jung sein? „Das wär nicht schlecht“, lacht sie, „so um die 25, aber in der heutigen Zeit, es ist alles besser und einfacher geworden.“

Und worauf kommt es im Leben wirklich an? „Dass man einen schönen Beruf erlernt. Unabhängig ist. Nicht angewiesen auf einen Mann.“ Geld also? „Ja, schon. Ich wollt nie jemandem zur Last fallen. In der eigenen Wohnung kann ich machen, was ich will, im Heim muss ich machen, was die anderen wollen. Wenn ich mehr Hilfe brauche, dann kann ich das bezahlen. Zum Glück war ich so sparsam und hab gut kalkuliert. Ein, zwei Jahre gehen sich noch aus.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code