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Mühlbauer: Der Mann mit dem Hut

Für die erste Ausgabe des wunderschönen Kastner & Öhler Magazins 1873 habe ich Hutmacher Klaus Mühlbauer in seiner schmucken Manufaktur in Wien besucht. Klaus Mühlbauers Kreationen sind Hingucker, Klassiker und stilprägend für die internationale Modeszene.

Hutmodelle bei Mühlbauer

Unter der eisernen Glocke dampft es, die alte Pfaff-Nähmaschine wird durch beständiges Treten in Bewegung gehalten, ein halbes Duzend Modistinnen arbeitet mit gebeugten Köpfen emsig vor sich hin. Dazwischen: Hüte, Hüte, Hüte. Kaum zu glauben: In der nostalgisch anmutenden Wiener Hutmanufaktur werden von Hand die modernsten und spannendsten Hüte des Landes gefertigt.

„Die handwerkliche Produktion und der modische Aspekt zeichnen uns aus, erklärt Klaus Mühlbauer eine Tür weiter. Das Eckbüro des Chefs liegt gleich über dem Eissalon am Schwedenplatz, mit Blick auf die quirlige Stadt. Seit mittlerweile 16 Jahren führt er das Familienunternehmen in 4. Generation.

Unternehmensgeschichte

Urgroßmutter Julianna Mühlbauer eröffnete im Jahr 1903 eine kleine Hutwerkstätte mit angeschlossenem Laden in Wien Floridsdorf, ihr Sohn Robert stieg bald mit ein. Dessen Sohn Heinz und seine Frau Brigitte übersiedelten 1962 mit der Manufaktur in den Neubau am Schwedenplatz und erweiterten das Sortiment in Richtung Bekleidung. 2001 übernahm Klaus das Unternehmen, entstaubte alles ein wenig und brachte es wieder zurück zum Ursprung: dem Hut.

Heute ist Mühlbauer ein synonym für hochwertige, zeitgemäße Hutmode. In Zahlen ausgedrückt: pro Jahr erzeugt und verkauft das Unternehmen etwa 21.000 Hüte. 65% davon fertigen die 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Manufaktur, der Rest entsteht hauptsächlich in Heimarbeit. Mehr als 60 Prozent der Hüte verlassen die Wiener Werkstätte zu großen Kaufhäusern und Luxusboutiquen in Paris, Mailand, Tokio oder New York.

Alles unter einem Hut

„Es sind gute Hutzeiten“ freut sich Klaus Mühlbauer. „Nicht vergleichbar mit jenen unserer Großeltern, als man das Haus nicht ohne Hut verlassen konnte, aber die Ödnis der 1980er und 90er-Jahre ist überstanden.“ Heute gibt es wieder mehr Hutmacher, die Szene ist am Leben, und das Interesse an Hut-Couture im Steigen.

Der Anlass, einen Hut zu tragen, hat sich freilich grundlegend verändert. Mühlbauer: „Früher musste man sich zwischen Funktion – also Sonnenschutz oder Wärme – und Gut-Ausschauen entscheiden. Da, wo die beiden Möglichkeiten zusammenfinden, kommen wir ins Spiel.“

Seine Kopfbedeckungen haben die klassische Hutform längst hinter sich gelassen. Mal geht es in Richtung Pelzhaube, dann wieder in Richtung Strickkappe, Joglhut trifft Anna Karenina. Abwechslung ist angesagt, unkompliziert soll es sein und angenehm. „Komfort ist ein Riesenthema,“ erklärt Klaus Mühlbauer. „Viele unserer neuen Hüte sind luftig, leicht, weich, angenehm auf der Haut. Man kann sie einfach zusammenfalten und einstecken. Die Menschen sind heute mobiler als jemals zuvor, und das übersetzen wir ins Modische.“

Modell Julie

Klaus Mühlbauer ist nicht nur studierter Betriebswirt, sondern auch gelernter Hutmacher und Modist. Als Teil des Design-Teams sitzt er zwar selten an der Nähmaschine, aber er weiß, wie es geht und welche Ideen man verwirklichen kann. „Das Kreative macht mir am meisten Spaß, das ist das Herzblut, das für mein Glück sorgt und dafür, dass ich gern arbeite. Das Kaufmännische ist nicht so meines, aber es macht natürlich auch Freude, wenn die Leute unsere Sachen gerne kaufen.“

Gemeinsam mit den Designerinnen Nora Berger und Madeleine Bujatti entwirft Klaus Mühlbauer jährlich zwei Kollektionen mit jeweils 100 Modellen für Damen, Herren und Kinder. Zusätzlich laufen die rund 200 Klassiker weiter, die Serie Stadtland spielt zeitgemäß mit regionstypischen Eigenheiten und die kleinen Capsule-Kollektionen sorgen international für Aufsehen. „In diesen Kapsel-Kollektionen spinnen wir die Ideen aus den Kollektionen experimentell weiter. Da haben wir mehr Raum und müssen nicht nur auf die Verkaufbarkeit achten. Das macht Spaß.“

Wir nennen es Reform

Im Lager unter der griechisch orthodoxen Kirche

Thema der Herbst-Winter 17/18 Capsule-Kollektion ist der Reformhut: „Den haben wir ganz frech so genannt, in Anlehnung an die Reformkleidung des 19. Jahrhunderts.“ Der Reformhut ist reduziert, abgeräumt, nah an der konischen Urform des Filzhuts. Monochrom oder gemustert. Ein modisches Statement.

Das orangerote Reformhut-Modell DIMA mit Leoprint führt K&Ö österreichweit exklusiv. Hochwertiger Melusinfilz aus 100 Prozent Hasenhaar wird dafür mit einer Spezialbürste flauschig-haarig gekämmt, gefärbt und bedruckt. Ein plakativ außen angenähtes rotes Gummiband passt den Hut der Kopfweite an, und ist das einzige verbleibende modische Stilmittel. Klaus Mühlbauer: „Die DIMA-Trägerin stelle ich mir mutig und modisch interessiert vor, ihr gefällt die Idee, dass diese Kopfbedeckung anders ausschaut, dass man sie zurechtbiegen und falten kann, dass sie ein bisschen auffällt.“

Hutglocke und Ofen

Bei der Fertigung eines solchen Filzhutes zeigt sich das Können des Hutmachers: Thomas Ziegler werkt da, wo es am wärmsten ist, in der so genannten Zurichterei. Hier wird ein imposanter Trockenofen von unten mit Gas befeuert, in den Regalen stapeln sich in allen Hutgrößen hunderte Modelle aus leichtem Lindenholz. Und mittendrin sorgt der Hutmacher dafür, dass aus einem rohen, untragbaren Stück Filz eine angesagte Kopfbedeckung wird.

Er taucht den bedruckten Hutstumpen in ein Wasserbecken und legt den nassen Filz für wenige Minuten unter die schwere Dampfglocke. Nach dem Dämpfen zieht er den Stumpen zum Plattieren auf die Hutform und klammert den überstehenden Filz unten fest, „damit wir die Kante später schön zusammenbringen.“ Jetzt kommt der Hut samt Form für zwei, drei Stunden hinter eine der vielen Metalltüren des riesigen Trockenofens.

Die Modistin bei den letzten Handgriffen

Nach dieser Prozedur hat der Hut seine Form, Thomas Ziegler löst die Klammern und die bürstet die Haare in eine Richtung. Dann wechselt DIMA einen Raum weiter, wo sich die Modistin Viktoria Diesner seiner annimmt. Mit der Nähmaschine radelt sie die untere Kante entlang, durch die engen Stiche entsteht eine Perforation, die die Kante fein flauschig macht.

Was jetzt kommt, nennt man hier Garnieren: Das Etikett wird ebenso per Hand eingenäht wie der rosarote Pfeil, der bei jedem Mühlbauerhut die vordere Mitte kennzeichnet. Für das rote Gummiband setzt sich Viktoria an die alte Tret-Nähmaschine.

Sie steckt noch die goldene Hutnadel, das geschwungene M, in den Hut und befestigt die Plakette, die „handgefertigt von Viktoria D.“ bestätigt. Zuletzt drückt sie einen weißen Stempel mit Reformhut in die innere Wölbung. Dann ist DIMA fertig.

Jedem Kopf sein Hut

„Wir bringen einen wirklich großen Erfahrungsschatz ein und kombinieren eine selten gewordene Expertise mit neuen Materialien,“ erklärt Klaus Mühlbauer den Erfolg seines Unternehmens. „Unsere Geschichte ist gut. Aber am Ende zählt trotzdem: Gefällt dir der Hut? Findest du dich schick? Fühlst du dich wohl?“

Er selbst greift ganz selbstverständlich zur Kappe JAMES, wenn er zwischendurch hinüber in das kleine Lager unter der griechisch-orthodoxen Kirche geht, um etwas zu holen. „JAMES ist mein Dauerbrenner. Aber es gibt schon auch Tage, da fühle ich mich mehr nach GRAF UDO.“

Bei dem vielfältigen Angebot den perfekten Hut zu finden, ist gar nicht so einfach. Für den Kauf rät Klaus Mühlbauer zu Offenheit und Muße: „Einen Hut sollte man nie auf der Flucht kaufen.“ Erst gilt es, die typgerechte Form zu finden: breite oder schmale Krempe? Hoher oder niedriger Kopf? Haube oder Kappe? Das klärt man am besten durch Probieren, Versuch und Irrtum. Der Hutexperte rät: „Probieren Sie auch die, bei denen Sie gleich abwinken wollen. Viele unterschätzen, was ihnen steht. Oft passt einem viel mehr oder etwas ganz Anderes als man denkt.“

Bleibt noch die Frage, wann man den Hut tragen will: „Soll er mich auf Reisen begleiten, beim Einkaufen wärmen oder will ich der Heuler auf einer Hochzeit sein?“ Die britische Hutmacherzunft beherrscht diese Sparte mit Bravour, doch Klaus Mühlbauer geht es darum, zu bekleiden und nicht zu verkleiden. „Eine Banane am Haarreif, das sind nicht wir.“ Ganz entscheidend für den Tragekomfort ist die richtige Größe. Wenn etwas drückt, einschneidet oder kratzt wird das mit der Zeit nicht besser werden, dann ist es einfach nicht das richtige.

Eine Kopfbedeckung ist wie Handtasche oder Schuhe ein wichtiges modisches Stilmittel. Ein Mehrwert, mit dem man das Erscheinungsbild in eine Richtung lenken kann – elegant, cool oder schick. Gerade bei unserem sichtbarsten Körperteil ist allerdings Fingerspitzengefühl gefragt. Klaus Mühlbauer beruhigt: „Ein gestalterischer Eingriff am Kopf ist immer ein wenig heikel. Aber keine Sorge, wir haben auch Modelle, bei denen man nicht Selbstbewusstsein für fünf braucht.“

 

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