2017, Geschichten
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Tanz um den Maibaum

 

Angesichts des späten Schnees mag man es kaum glauben, aber: Der Mai ist gekommen und bald ragen sie wieder allerorts in den Himmel: stolze Maibäume mit glatten Stämmen und grünen Wipfeln, bunt geschmückt mit Kränzen, Tafeln und Bändern. Eine kleine Rundschau.

Ein bisschen kurios ist es schon: Mitten im Frühjahr fällen wir Bäume und stellen sie entrindet und geschmückt wieder auf – warum die Mühe? „Der Ursprung der Maibäume liegt schon in der vorchristlichen Zeit“, erklärt die Volkskundlerin Elisabeth Schiffkorn: „Der Maibaum soll ähnlich einem hohen Kirchturm eine Verbindung zum Göttlichen, zum Universum herstellen. Nach dem Prinzip des Gebens und Nehmens wollen wir mit dem Aufstellen natürlich etwas in Gang setzen. Wir stellen den Baum auf, und erwarten uns dafür Fruchtbarkeit, Glück und Segen.“
Zu dieser Grundbedeutung kamen laut der Heimatforscherin im Lauf der Jahrhunderte verschiedene Sekundärfunktionen, ganz nach den Bedürfnissen der Ortschaften oder der Aufsteller.
So war im Mittelalter das Tanzen nur zu bestimmten Zeiten außerhalb der Fastenzeit erlaubt, als Zeichen dieser Tanzfreiheit galten eingewurzelte, geschmückte Bäume.
In Wien hatten die Babenberger-Herzöge die Aufgabe, die Maien für die Bevölkerung herzurichten. Eine der ältesten Erwähnungen des Maibaums stammt aus dem Jahr 1230, als Herzog Leopold IV., der Glorreiche, verstarb und die Wiener Untertanen klagten: „Wer singet uns nu vor / zu Wienn auf dem Chor … Wer singet uns nu raien / wer zieret uns nu die maien?“
Im 30-jährigen Krieg errichteten die Soldaten am 1. Mai Ehrenbäume für Offiziere und Fürsten. Als Zeichen der Ehrerbietung erfreuten sich die Maibäume bald so großer Beliebtheit, dass man das „Maienschlagen und Maiensetzen“ verboten hat, um die Wälder zu schützen. Eine Verordnung aus dem Jahr 1760 besagt, „dass nebst dem Weg an Clessheim hinaus jedes Orths ein Maypaum aufgesetzt ist … wegen des Schadens unter schwärer Straf verboten”. An das Stadtgericht in Salzburg erging die Weisung zur „nötigen Obsicht, damit dergleichen unnotwendige Gebräuch außer Übung gesetzet werden und erlöschen möchten“.
Die Verbote blieben erfolglos, immer wieder tauchen Maibäume in unserer Geschichte auf, etwa als Freiheitsbäume in der Revolution von 1848, als Liebesmaien oder als Ehrenbäume für neue Pfarrer oder andere Honoratioren.
Im 19. Jahrhundert sollte der Hexenbaum in der Walpurgisnacht böse Geister vertreiben, sein Stamm hatte glatt geschält zu sein, damit sich die Hexen nicht unter der Rinde festsetzen.
Später vereinnahmten die Nationalsozialisten das Brauchtum und propagierten Volkstänze rund um den Baum. In den 1970er-Jahren begann die Rückbesinnung auf das uralte Brauchtum und heute bietet der Maibaum wieder vielerorts Gelegenheit für gesellige Dorffeste und lustigen Wettstreit.

Jeder Baum ein Kunstwerk

Maibäume sind meist gerade gewachsene, immergrüne Nadelbäume, also hohe Tannen oder Fichten.
Nach dem Fällen und Entfernen der Äste entrinden die Männer den Stamm mit dem Schepseisen oder Schöpser. Der Wipfel bleibt stets unberührt, ohne grüner Krone – auch Kratz’n, Gressing oder Grotz genannt – gilt der Baum als kraftlos.
Zierringe und um den Stamm gewundene Rindenbänder findet man häufig in der Steiermark, besonders prächtig ist alljährlich der Leibnitzer Maibaum, den heuer 40 aufwändig geschnitzte Wappen zieren.
Oben um den Stamm schweben grüne Reisigkränze, welche die Kraft des Wipfels unterstreichen. In Kärnten und Salzburg baumelten einst Würste, Früchte, Brezel, Wein und gar Säckchen mit Geld unterm grünen Wipfel – als Lockmittel für die Maibaumkraxler. Bunte Stoffbänder, wie sie etwa die Mädchen im Garstnertal beim Fetzenreißen herstellen symbolisieren das Wachstum.
Rund um den Stamm befestigte Wappen, Zunfttafeln und Trachtenpärchen stehen für das dörfliche Leben, Brauchtum und Handwerk.

Vom Passen und Stehlen

Ist der Baum bereit, bewacht ihn die Jugend beim „Maibaumpassen“. Das Stehlen der Bäume ist ein uralter Wettstreit unter Gemeinden, bei dem es darum geht, das Glück, bzw. den Segenbringenden Baum ins eigene Dorf zu holen. Zusätzlich zeigen die jungen Burschen bei dem Initiationsritus ihre Kräfte und ihr Geschick. Wichtig sind dabei stets die lokalen Regeln: Ist im Innviertel nur der liegende Baum in Gefahr, ist es im Mostviertel der stehende, meist sind die ersten drei Tage heikel, aber mitunter auch die letzten drei. In Ebensee darf der Baum nur nach dem Aufkranzeln gestohlen werden, im Bezirk Urfahr wiederum sind eingekraxelte Bäume tabu. Manchmal reicht es, den Baum um 45° umzulegen, dann wieder muss man ihn eine Baumlänge oder gar über die Gemeindegrenze tragen. *
Ketten, Schlösser oder lange Eisennägel als Schutz vor dem Umschneiden helfen manchmal wenig, die Gailtaler etwa stehlen keine Bäume, kappen allerdings die Wipfel.
Einen kleinen Maibaumwald hat eine oberösterreichische Stammtischrunde vor einigen Jahren in Engerwitzdorf errichtet: die umtriebigen Herren sammelten in nur drei Tagen ganze zwölf Bäume ein.
Auch in Wien kam es vergangenes Jahr zu einem spektakulären Maibaum-Fall:  Studenten sägten der Maibaum der Universität für Bodenkultur um und transportierten ihn zu ihrem Stammlokal in der Innenstadt – mit der Straßenbahn.
Das Stehlen eines Maibaumes ist, so lange man sich an die regionalen Vorgaben hält, kein strafrechtlich verfolgbares Delikt sondern gilt als Brauchtum.

Vom Maibaum zum Schandbaum

Legt ein Ortsansässiger die Hand auf den Baum, gelten die Diebe als erwischt und haben den Baum sofort wieder aufzustellen. Gelingt aber die Entführung, gilt es, den Baum auszulösen: meist durch eine zünftige Jause oder ein paar Fässer Bier. Dann bringen die Diebe im Idealfall den Baum unversehrt und neu geschmückt zurück. Im Mühl- und im Mostviertel erwartet die Baumräuber eine strenge Gerichtsverhandlung über das Strafausmaß.
Löst eine Ortschaft einen gestohlenen Baum nicht aus, sorgt er als Schandbaum für Spott und üble Nachrede.

Aufkranzeln für den Bandltanz

In den letzten Apriltagen oder spätestens in der Nacht auf den 1. Mai, stellen Landjugend sowie Mitglieder von freiwilliger Feuerwehr und anderen Vereinen die Maibäume auf. In Kirchdorf an der Krems ist schon der Antransport sehenswert: ein Fuhrunternehmer bringt am Abend des 30. April den Maibaum mit einem alten Pferdewagen zum Hauptplatz.
In vielen Ortschaften ist das Maibaum-Setzen mit Muskelkraft, Hebe- und Stützstangen immer noch Ehrensache. Es ist jedes Mal ein Spektakel, wenn die Männer den geschmückten Baum mit Feuerhaken, Leitern und langen Stangen, auch Spoteln, Schwoabeln oder Schwabeln genannt, aufrichten. Dazu treten Plattler, Schnalzergruppen und Musikkapellen auf sowie Bandltänzer, die mit ihrem volkstümlichen Reigentanz und meterlangen, bunten Bändern den glatten Stamm tanzend umflechten.

Rauf auf den Baum!

Das Maibaumkraxeln ist eine beliebte Herausforderung, vor allem junge Burschen erklimmen unter großer Anteilnahme der Umstehenden den glatten Baum. Schon im 18. Jahrhundert veranstalteten Wirtshäuser im Frühling ähnliche Bewerbe mit Umtrunk. Lockten früher noch Preise und Leckerbissen an den Kränzen, geht es heute mehr um den sportlichen Ehrgeiz.
Einen großen Stellenwert hat das Maibaumstegen etwa im Lungau, während die Kraxler am Tamsweger Marktplatz tagsüber aktiv sind, klettert man in Unternberg im Dunkel der Nacht.
Gewiefte Maibaumkraxler erkennt man an den schwarzen Händen: Der gehobelte Schaft der Bäume wird nämlich in einigen Tiroler und Kärntner Tälern mit Wachs oder Seife zusätzlich geglättet, so dass die Kletterer zu Pech und Asche greifen müssen, um etwas Halt zu finden.

Alles hat ein Ende

Je nach Region bleibt der Maibaum bis Ende Mai, Pfingsten oder bis zum Kirchtag stehen, mitunter bis in den Herbst. Zum einen, damit seine Fruchtbarkeit und Kraft bis zur Ernte auf die Felder strahlt, zum anderen als Relikt aus dem frühen Mittelalter, als der Maibaum weithin sichtbar auf das Betretungsverbot von Feldern und Wiesen hinwies, um das Wachstum nicht zu stören.
In Teilen Oberösterreichs und der Steiermark muss der Baum auch die letzten drei Nächte vor dem feierlichen Umschneiden vor Dieben bewacht werden. Übersteht er die heikle Zeit, bringt ihn schließlich die Zugsäge zu Fall, oft zu den Klängen des Holzhacker-Marsches.
Die Kärntner verarbeiten das gut durchgetrocknete Holz gern zu Leitern. Im Südburgenland wiederum ist es üblich, dass sich die Anwesenden eine glückbringende Scheibe vom Maibaum absägen. Manche Vorarlberger Vereine versteigern die Maibäume beim Frühschoppen „amerikanisch“: jeder, der ein Gebot abgibt, zahlt nur den Differenzbetrag zum vorherigen Gebot, der hohe Ertrag dient einem guten Zweck.

Besondere Bäume

Einen atemberaubenden Blick auf Hallein und das Berchtesgadener Land haben die Besucher des Barmstoana-Maibaums: Anstelle eines Gipfelkreuzes prangt auf der Spitze des Kleinen Barmsteins (838 m) traditionell ein Maibaum. Der erste Beleg für diesen, sowie einen weiteren Maibaum am Nockstein stammt aus dem Jahr 1889.
Den höchsten Maibaum Tirols versucht alljährlich die Landjugend Jochberg aufzustellen: im Jahr 2015 ragte der Baum mit 44 Metern weit über den Kirchturm hinaus.
Im Ennstal gehören die Hansl- und Gretl-Figuren fix zur Dekoration der geschepsten Fichte. Die beiden Stoffpuppen symbolisieren die Kinder, die auf den Baum kraxeln und waren einst Trophäe der Baumkraxler, heute bleiben sie als Zierde hängen.

Der Mai und die Liebe

Im Burgenland und in einigen anderen Gegenden spielten bis in die 1970er-Jahre die Mädchen-Bäume oder Liebesmaien eine große Rolle: Burschen holten eine Birke oder im Südburgenland eine Fichte aus dem Wald und stellten sie der Freundin oder Angebeteten mit Krepppapierbändern geschmückt vors Fenster.
Solche Mädchenbäume oder Liebesmaien findet man heute kaum mehr, dafür hat sich ein anderer Brauch gehalten: der Maistrich, Maisteig oder Maigang. Am Weg zur 1. Maifeier findet man in Ober- und Niederösterreich, etwa im Weinviertel, geschwungene Linien auf der Straße: der Maistrich ist ein alter Brauch, um heimliche Liebschaften zu enthüllen, dabei tragen die Aufdecker weiße Kalkfarbe von einem Haus zum anderen auf. Kommt der oder die Liebste aus einer weit entfernten Ortschaft, ziehen sich die weißen Liebesspuren kreuz und quer durchs Land.

*Die Landjugend Oberösterreich hat die Gepflogenheiten dokumentiert, damit es zu keinen Regelverstößen kommt (http://ooelandjugend.at).

Dieser Text erschien zuvor in Servus 5/2017

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